Sie haben sich eingebrannt in das kollektive Gedächtnis der Welt: die Bilder der tausenden Menschen, die nach dem Sturz des Assat-Regimes in Syrien im berüchtigten Foltergefängnis der einstigen Regierung in Bergen von Akten und losen Zetteln nach dem Verbleib ihrer Angehörigen suchen. Immer verzweifelt. Selten mit Erfolg. Die Geschichte dieses Schreckens-Regimes und seiner zahlreichen Opfer aufzuarbeiten, das ist derzeit eine der ganz großen Aufgaben. Die Vereinten Nationen helfen dabei. Mit einer unabhängigen Suchstelle für syrische Menschen. Weil dieses Engagement so nah ist dem seit dem Zweiten Weltkrieg etablierten Suchdienst des Internationalen Roten Kreuzes, liegt auch eine Kooperation nahe. Die geht das UN-Projekt aktuell mit dem DRK Gelsenkirchen ein – ein Novum.
„Eigentlich müsste man meinen, das wird in der Organisationsstruktur von oben nach unten etabliert. Wir gehen den Weg andersherum und pitchen das Projekt nach oben“, sagt Michael Mrowietz, Fachbereichleiter Migration und Integration beim DRK Gelsenkirchen. Gleichzeitig werde man die Informationen zum neuen Angebot der UN so weit wie möglich streuen. Denn allein in Gelsenkirchen gebe es rund 7.000 Geflüchtete aus Syrien. „Uns kommt hier die Rolle eines Multiplikators zu.“
Es gibt keinen syrischen Menschen, der nicht jemanden vermisst
Wo immer man aktiv sei, werde man künftig die unabhängigen Suchstelle für syrische Menschen Betroffenen gegenüber erwähnen. „Wir wollen in die Community hinein wirken – auch über die zahlreichen Bildungseinrichtungen, mit denen wir in der Stadt zusammenarbeiten. Wir können durch unsere Mitarbeitenden nicht alle 7.000 Syrerinnen und Syrer in Gelsenkirchen persönlich erreichen. Denn wir wissen ja nicht, wo sie wohnen. Aber wir wissen, wo sie angedockt sind, über welche Institutionen man sie erreichen kann.“
Wie wichtig das Thema ist, erklärt Christian Bilke, Sozialarbeiter beim DRK: „Das Drama der verschwundenen Personen war in Syrien nicht auf soziale Schichten beschränkt oder bestimmte Regionen. Erst jetzt wird deutlich, jeder ist betroffen. Es gibt keinen syrischen Menschen, der nicht jemanden aus der Familie oder aus seinem Freundeskreis vermisst.“ Weil jene, die regimekritisch waren oder dessen auch nur verdächtigt wurden, einfach verschwanden. Vielfach mit ungeklärtem Verbleib. „Das ist ein großes Problem, über welches wir nicht ausreichend sprechen.“ Nun soll sich das ändern.
DRK-Mitarbeitende sollen noch tiefergehend geschult werden
Das begrüßt auch Mohamad Akkour. Der Gelsenkirchener floh selbst aus Syrien, arbeitet heute als sozialpädagogischer Begleiter und hilft in dieser Funktion vielfach auch seinen Landsleuten – und er engagiert sich im deutschlandweit tätigen Verein „Deutsch-syrische Initiative“, der sich einsetzt für politische und kulturelle Bildung von Syrerinnen und Syrern, für mehr gesellschaftliche Teilhabe und mehr Miteinander. Seit kurzem kooperiert das DRK Gelsenkirchen auch mit seinem Verein, nutzt seine Expertise, um von ihr zu lernen. Akkour weiß: „Die Familien suchten nach dem Sturz des Regimes oft monatelang nach ihren Lieben.“ Oftmals jedoch ohne Erfolg und mit schwindender Hoffnung. „Das ist sehr hart. Und dabei geht es um die ganze syrische Gesellschaft.“
Die neue Kooperation mit der UN könne nicht nur ganz praktisch helfen, einige Schicksale vielleicht doch noch zu klären. Sie soll auch die Mitarbeitenden beim DRK Gelsenkirchen noch weiter sensibilisieren für das, was die Menschen aus Syrien erlebt haben. „Wir planen aktuell, eine Vollzeitkraft durch die UN qualifizieren zu lassen im Umgang mit Menschen, die Folter erlitten haben“, erklärt Michael Mrowietz. Sein Team lasse sich zwar regelmäßig zum Thema Trauma und Pädagogik schulen, dieser besondere Aspekt könne jedoch noch die Kompetenz auf lokaler Ebene erweitern – auch im Umgang mit Menschen aus anderen Teilen der Welt, wo ähnlich brutale Verhältnisse herrschen.
Im nächsten Schritt unterschreiben das DRK Gelsenkirchen und eine Vertreterin der UN zeitnah ein „memorandum of understanding“, also eine Absichtserklärung. Die Zusammenarbeit soll dann sukzessive ausgebaut werden. Wer mehr erfahren möchte zur unabhängigen Suchstelle für syrische Menschen, kann die Seite https://iimp.un.org besuchen.
