„Ich stelle Euch einmal die Frau Merkel vor“, sagt Lea und schindet damit bei den kleinen Gästen großen Eindruck. Denn auch wenn die Republik schon fünf Jahre lang nicht mehr von Angela Merkel geführt wird, wissen die Kinder und Jugendlichen durchaus, wer das ist. Nur stehen sie hier, auf dem Hof des Vereins „Tierische Seminare“in Kirchhellen, nicht der Politikerin gegenüber, sondern einer weißen Shetland-Pony-Dame. Und mit der sollen sie gleich auf Tuchfühlung gehen. Für manch einen ist das Tier ebenso respekteinflößend, wie es die Kanzlerin wohl gewesen wäre. Mitunter sogar noch mehr.
Zum ersten Mal besucht das DRK Gelsenkirchen heute den Hof des neuen Kooperationspartners. Fünfzehn Kinder und Jugendliche dürfen diesen Tag miterleben, lernen die Tiere kennen, begegnen vielleicht zum ersten Mal einem Pony oder einem Schaf. Deswegen muss Lea, eine der Pferdeführerinnen, den fünf Jungs aus der blauen Gruppe noch ein bisschen die Angst nehmen angesichts von Frau Merkel, die sie alle überragt. „Die Ponys sind ganz lieb“, versichert sie und erklärt ein paar wenige wichtige Regeln: „Vom Pferde-Popo immer Abstand halten. Da hinten sehen die Euch nicht.“
Sinneserfahrungen inklusive: Einmal Schafwolle ertasten
An dieser ersten Station sollen die Kinder eines der beiden Ponys, Frau Merkel oder Sonja, durch einen Parcours führen. Etwas zaghaft greift Hammoudi, der größte und mutigste der Truppe, zum Führzügel. Die ersten Meter absolviert er ein bisschen zaghaft, dann jedoch klappt es gut. Daher ist er auch ziemlich begeistert, als er die Aufgabe erfolgreich gemeistert hat. „Das ist voll cool!“ Die kleineren und jüngeren der Jungs fassen schneller zur ebenfalls kleinen Sonja Vertrauen. Da passen die Größenverhältnisse besser. Einzig ungewohnt: Die Jungs müssen noch ein Gefühl entwickeln für den Wendekreis eines Ponys. Zu scharfe Kurven kann Sonja nicht mitgehen.
Die grüne Gruppe läuft derweil zum Gehege der Schafe. Hier leben drei Coburger Füchse und ein Kamerun-Schaf und erwarten die Besucher ganz gespannt – in Erwartung einer Leckerei. Es scheint, sie kennen das Prozedere bereits. Ganz im Gegensatz zu den Kindern. Während die einen neugierig sind auf die wolligen Tiere, trauen sich die anderen nur unter gutem Zureden überhaupt ins Gehege hinein. Christian Krause, Gründer des Vereins „Tierische Seminare“, legt daher Yogamatten im Gehege aus und lädt ein, sich darauf zu setzen. So hätten, erklärt er, die Tiere keine Angst und die Menschen müssten auch keine haben. Dann reicht er kleine Säckchen herum, die den jungen Gästen ganz besondere Sinneserfahrungen bescheren: Blind sollen sie deren Inhalt ertasten. Und der hat immer etwas mit Wolle zu tun. Besonders schön: Manch ein Kind lernt dabei nicht nur sinnlich, sondern auch sprachlich – und zwar neue Vokabeln.
Die neuen Partner planen mehrere Projekte gemeinsam
Es ist der Auftakt mehrerer gemeinsamer Projekte der beiden Gelsenkirchener Vereine, erklärt Michael Mrowietz, beim DRK Fachbereichleiter für Migration und Integration. „Uns ist es immer wichtig, dass die Kinder Erfahrungen mit Tieren sammeln. Das können wir aus uns heraus so nicht bieten. Deswegen sind wir froh, an dieser Stelle von den Angeboten des Hofes profitieren zu können“, sagt er und ist sicher, im Sommer werde man bestimmt noch einmal kommen. Vielleicht im Rahmen des Ferienprogramms. Zudem steht in den großen Ferien ein Kooperationsprojekt der beiden Vereine mit der Zirkusfamilie Probst an. Eine Woche lang können Kinder dann in der Manege Zirkusluft schnuppern und tiergestützt ganz viel lernen – und zwar deutlich mehr als nur Kunststücke für das Publikum. Im besten Fall stärken diese Erfahrungen sie für ihr späteres Leben.
Die beiden Jungs Timo und Timo werden schon den heutigen Tag sicherlich nicht so schnell vergessen. Während sie eben noch mit großer Begeisterung die Schafe aus der Hand gefüttert
haben, sind sie nun völlig begeistert von den Kaninchen. Erst füttern sie die beiden weißen „Deutschen Riesen“ Oskar und Olaf mit Rucola-Salat. Dann besuchen sie Otto in seinem Stall und sind ganz hingerissen von dem dicken, großen Kaninchen, das so sehr in sich ruht, dass es kaum eine Miene verzieht, als die beiden Jungs es vorsichtig streicheln. Allein Kaninchendame Ilse will von den jungen Herren nichts wissen. Sie hat für heute schon genug und sich in ihre Höhle verkrochen. Diese Begegnung klappt vielleicht beim nächsten Mal.


