· Pressemitteilung

Die „Linie 1“ des DRK dreht wöchentlich ihre Runde

Ging es im Winter noch um eine warme Mahlzeit für bedürftige Menschen, dreht sich nun alles um die Versorgung bei Hitze und deren Folgen

„Was wir hier an warmen Tagen an Trinkwasser an die Menschen ausgeben, das beeindruckt mich sehr. Ich habe das Gefühl, die Menschen müssen das eigene Reservoir erst einmal wieder auffüllen“, sagt Hans-Jürgen Reimann. Er ist der neue Leiter des Projektes „Linie 1“ des DRK Gelsenkirchen. Sie dreht einmal in der Woche ihre Runde durch die Stadt. Hier in Erle wird sie bereits erwartet. Vor der Dreifaltigkeitskirche haben sich gut zwanzig Personen eingefunden, die die lebensnahe Hilfe der Mitarbeitenden dankbar annehmen. 

An Bord ist vieles, was man an einem warmen Sommertag braucht. Vor Fahrtantritt haben Petra und ihre Kollegin frischen Salat zubereitet, der jetzt ausgegeben wird. Dazu schmiert die langjährige Ehrenamtlerin vor Ort Brote mit Camembert-Käse, den man von der Gelsenkirchener Tafel gespendet bekommen hat. Ebenso wie das frische Gemüse und das Obst. Petra ist mit den leckeren Stullen sehr gefragt bei den Gästen. Die meisten von ihnen sind Männer, die sich geduldig und höflich anstellen, bis sie ihr Brot überreicht bekommen. Sobald eines verspeist ist, finden sie sich gleich wieder am Bus ein. Die Mitarbeiterin schmunzelt darüber. Sie ist schon routiniert: „Ich bin auch in dem Team, das für die Blutspenden die Verpflegung macht. Da schmieren wir immer viele Brote“, sagt sie, dreht sich zu der Gruppe um und ruft: „Wer wollte noch ein Käsebrot?“ 

Emotionale Wärme braucht es ganzjährig 

Die vier Bänke vor der Kirche sind alle besetzt. Auf den ersten Blick erinnert die Szenerie an ein sommerliches Picknick. Zumal einer ein Radio dabei hat. Zum Freiluft-Essen gibt es heute also auch Musik. Doch der Hintergrund ist ernst: Vor drei Jahren nahm die „Linie 1“ als Hilfsangebot für Menschen in Not den Dienst auf. Der war noch saisonal beschränkt. An den „Haltestellen“ bot man warmes Essen und heiße Getränke an, damit die Menschen zumindest immer am Dienstagabend noch einmal gut versorgt in die Nacht gehen. Während dieser Zeit und vieler Einsätze und Gespräche wurde deutlich: Noch wichtiger als die warme Mahlzeit sind die warmen Worte, die emotionale Wärme, die hier entsteht. 

Und die braucht es ganzjährig, ist Hans-Jürgen Reimann überzeugt. Vor allem, weil die Hitzeperioden einige Menschen vor große Probleme stellen. Neuere Auswertungen zeigen, guter Hitzeschutz ist eine Frage des persönlichen Etats. Wer auf der Straße lebt oder in prekären Verhältnissen, der kann sich nicht zu Hause vor einen Ventilator setzen und erholen. Der kann sich auch nicht mit einer kühlen Wassermelone erfrischen, weil die selbst im Discounter noch einige Euros kostet. Der kann sich vielleicht noch nicht einmal Sonnencreme kaufen oder eine schützende Mütze. 

Weil selbst Sonnencreme für manch einen Luxus ist 

Deswegen sammelt das Team der „Linie 1“ derzeit Spenden. So sind etliche Pröbchen Sonnencreme zusammengekommen, die heute erstmals verteilt werden. David greift da gerne zu. Er ist „Stammgast“ an der Haltestelle des DRK-Busses, kommt seit Monaten regelmäßig her. „Wenn ich nicht hier bin, dann muss aber wirklich etwas passiert sein“, sagt er und lacht. Die Möglichkeit, sich einmal in der Woche zwanglos satt zu essen, nimmt er gerne wahr. Die Sonnencreme aber freut ihn heute besonders. „Denn es ist ja wichtig, sich zu schützen“, sagt der junge Mann und lässt durchblicken, dass die kleinen Tuben für ihn Luxus bedeuten. 

Auch Dani kommt jetzt immer her. „Ich habe das zu einem Ritual für mich gemacht“, sagt sie. Und dann bricht es aus ihr heraus: „Gott sei Dank gibt es unser DRK!“ Die Hilfe bedeutet ihr viel. „Man bekommt ja nicht nur Essen hier. Auch andere Sachen.“ Sie selbst habe sogar schon ein paar Schuhe erhalten, mitgebracht aus einem der DRK-eigenen Kleiderläden. Dann erzählt die junge Frau noch, durch die wöchentlichen Treffen habe sich hier eine Gruppe gefunden, die sich einander verbunden fühlt. „Wir versuchen, uns gegenseitig zu helfen“, sagt sie und berichtet, zwei der Gäste seien „ganz schlimm dran“, lebten dauerhaft auf der Straße. Daher müsse man ein bisschen auf sie achtgeben. 

Zum Abendbrot gibt es auch ein offenes Ohr 

Dieses Sozialgefüge, das hier ganz nebenbei entstanden ist, berührt auch Hans-Jürgen Reimann. Er weiß um den Anteil, den das DRK daran hat – und auch um die damit verbundene Verantwortung. „Wir sind die einzige Hilfsorganisation, die zu den Menschen fährt.“ Dorthin, wo sie leben. In ihr Quartier. Hier entstehen Bindungen, bildet sich gegenseitiges Vertrauen. Deswegen kommen die Menschen auch mit ihren Sorgen zu ihm. Eine Frau etwa, die sich sehnlichst ein neues Bettlaken gewünscht hatte und heute eins bekommen hat, öffnet ihm noch einmal ihr Herz, erzählt, sie suche so dringend eine Wohnung. 

Da greift der Teamleiter zu einer großen Kladde und notiert ihre Daten. Sie ist nicht die erste, die mit diesem Wunsch heute an ihn herantritt. Im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht er zu helfen, will am nächsten Tag mit den städtischen Sozialarbeitern sprechen. „Es funktioniert ja vieles über Netzwerke.“ Arme Menschen haben die aber meistens nicht. Dankbar, dass Hans-Jürgen Reimann ihr zugehört hat, zieht die Frau weiter. Dann dreht sie sich noch einmal um und ruft strahlend aus: „Danke für alles! Bis nächste Woche!“ 

Die „Linie 1“ fährt dienstags ab 18 Uhr die alte Post in Buer an, danach, ganz neu, das Musiktheater und zuletzt die Dreifaltigkeitskirche in Erle. Das Team bittet dringend um Spenden. Gebraucht werden aktuell Reisegrößen von Sonnencreme, Caps oder Hüte zum Schutz vor der Sonne sowie Desinfektionsmittel in kleinen Gebinden. Im DRK Kleiderladen an der Cranger Straße 267 können diese abgegeben werden. Oder man nimmt Kontakt auf unter: linie1@drk-ge.de. Wer Interesse hat, das Projekt durch seine Mitarbeit zu unterstützen, darf sich auch gern melden.